Donnas Schreibprojekt, Oktober 2009

2009 Oktober 24
von waushh

Mein verspäteter Beitrag zu Donnas Schreibprojekt:

Seit dem letzten Herbst hatte sich so viel verändert. Nachdenklich schaute er an die weiße Wand und beobachtete die schwere Tür, die sich bald wieder für einen kurzen Augenblick öffnen würde.

Seine Welt hatte sich im Laufe des letzten Jahres um 180 Grad gedreht, und er betrachtete die Dinge plötzlich aus einer anderen Perspektive. Er konnte nicht sagen, wann genau es passiert war, es war wohl im letzten Winter, als ihm plötzlich ein Licht aufging. Diese Wortwahl gefiel ihm übrigens besonders gut, denn es kam ihm wirklich wie eine Erleuchtung vor, nachdem er so lange geglaubt hatte, nur die Schattenseiten zu sehen. Früher hatte er sich immer gefragt, wozu das alles gut sein soll, und nun war er plötzlich sicher, eines der großen Geheimnisse des Lebens für sich entdeckt und gelüftet zu haben.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens hatte er sich – wie so viele andere Menschen auch – immer wieder gestellt und hatte doch nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Ein Stein oder eine Blume – hatten diese Dinge einen Sinn, oder passierten Dinge „einfach nur so“?

Bei der Suche nach Antworten war ihm klar geworden, dass weder ein Stein noch eine Blume sich jemals solche Fragen stellen würden. Sie waren einfach da, und Alles um sie herum passierte, ohne einen besonderen Grund zu haben. Was aber war mit uns, den Menschen? Unsere Intelligenz versetzte uns in die Lage, über solche Fragen nachzudenken und nach einem Sinn zu suchen. Und sie versetzte uns auch in die Lage, uns selbst eine Antwort auf diese Frage zu geben.

Er war zu dem Schluss gekommen, dass Dinge und Geschehnisse nur dadurch einen Sinn bekommen konnten, dass es jemanden gab, der über sie nachdachte, und der ihnen einen Sinn gab. Daher konnte es keinen vorgegebenen Sinn geben, den man „finden“ konnte, sondern man musste selbst einen Sinn „er-finden“. Doch wenn ein Sinn nur durch das eigene Denken entstehen konnte, was hinderte dann die meisten Menschen daran, die Welt stets positiv zu sehen?

Jeder Mensch hatte es schließlich selbst in der Hand, den Dingen einen positiven oder einen negativen Sinn zu geben, und er war deshalb doch offenbar auch für sein eigenes Glücklich- oder Unglücklichsein verantwortlich. Ausgehend von diesen Gedanken hatte er für sich selbst irgendwann beschlossen, sich fortan auf das Glücklichsein zu konzentrieren. Er hatte an den König denken müssen, den „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry auf seiner Reise zu den Sternen getroffen hatte. Dieser König konnte der Sonne befehlen, auf und unter zu gehen, natürlich nur zu bestimmten Zeiten, denn die Befehle mussten „geeignet“ sein. Genau wie dieser König wollte er es mit seinen Wünschen tun: Sie sollten „geeignet“ sein, dann würden sie alle in Erfüllung gehen.

Er hatte einige Male versucht, andere Menschen von seiner Denkweise zu überzeugen und sie dadurch zu glücklichen Menschen zu machen, aber sie hatten ihn immer nur ganz merkwürdig angeschaut und sich dann von im abgewandt. Sie hatten mit dem Finger auf ihn gezeigt und ihn als Spinner bezeichnet, doch sie taten ihm leid, denn sie konnten nicht sehen, dass er mit seinem neuen Leben glücklich war. Als er im Sommer auf dem Markplatz Flugblätter mit seinen Thesen verteilen wollte, hatte man ihn fortgebracht.

Die schwere Tür öffnete sich, und zwei weiß gekleidete Herren kamen herein. Sie stellten ihm einen Teller mit einer kleinen Malzeit auf das Tischchen: Eine Scheibe Weißbrot mit Wurst und eine Scheibe Schwarzbrot mit Käse, dazu einen frischen Apfel. Er stand auf und ging zu dem Tischchen, nahm den Apfel in die rechte Hand und streckte den Arm aus. Er ließ den Apfel nach oben fallen. Die kahle Decke teilte sich, und das Dunkel der Nacht verschlucke das sterile Weiß der Neonlampe. Als der Apfel im Nachhimmel verschwand, folgte er ihm zu den Sternen.

Kompliment an eine Wolke

2009 Oktober 14
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von waushh

Kompliment an eine Wolke

Für Dich, Du dunkle Wolke da im Abendlicht,
Du bist so schön, drum schreibe ich Dir ein Gedicht.
Am violetten Himmel stehst Du stolz und grau
und hörst gern Komplimente, so wie jede Frau.

Dein Bauch wird von der Sonne rosa angeleuchtet,
ein feiner Nebel hat die dicke Nase angefeuchtet,
und an der Seite ragt ein kleines Schwänzchen raus -
Nanu? Du siehst ja wirklich… wie ein Nilpferd aus!

Klassentreffen

2009 September 20
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von waushh

Klassentreffen

Die Wiedersehensfeier war gelungen,
in unserm alten Städtchen
mit all den großen oder schweren Jungen
und auch den alten Mädchen.

Wir trafen uns nach dreiunddreißig Jahren -
hat’s so was schon gegeben?
Vorbei die Zeit, als wir noch Kinder waren,
vorbei ein halbes Leben.

Es gab so vieles Neues zu berichten
mal traurig, mal zum Lachen,
und auch die alten Kinderzeit-Geschichten,
die heut’ noch Freude machen.

So mancher sprach von alter Liebelei,
die ja schon längst verblich.
Auch meine alte Liebe war dabei,
doch ich behielt’s für mich.

Ich hoffte sehr, dass ich sie wieder seh’,
und sei’s nur einmal noch.
Den ganzen Abend tat es nicht mehr weh,
und dann beim Abschied doch.

Spätsommer

2009 September 6
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von waushh

Spätsommer

Einst flüsterte im Frühling leis der Wind,
nun ruft er laut und pfeift mir um die Ohren.
Wo meine Träume nur geblieben sind?
Sie sind noch da, ich hab’ sie nicht verloren.

Auf einer herrlich weiten, grünen Wiese,
da lagen sie mit mir im hohen Gras.
Sie trugen mich mit jeder Sommerbrise,
so dass ich manches Mal die Zeit vergaß.

Der heiße Sommer ist nun bald vorüber,
am Himmel sieht man graue Wolkentürme.
schon steht der nahe Herbst uns gegenüber
und schickt uns Wolkenbruch und Wirbelstürme.

Doch wird’s auch draußen wieder lau und kühl,
im Herzen spüre ich ein leises Glück.
Tief drinnen wächst ein wärmendes Gefühl,
ich glaube fast, der Frühling kehrt zurück.

Donnas Schreibprojekt

2009 Juli 24
von waushh

Mein Beitrag für Donnas Schreibprojekt:

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal… nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich. Sie fragte noch einmal: „Na los, denk’ nach, wann hast Du mir das letzt mal Blumen mitgebracht, einfach nur so?“ Er versuchte, sich zu erinnern, aber es wollte ihm nicht einfallen. „Oder, wann hast Du mir zuletzt etwas Schönes gekocht, um mich zu überraschen?“
Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde ihm deutlicher, dass sie recht hatte. Was sollte er ihr antworten? Das schlechte Gewissen quälte ihn, und er schwieg. Ob es für sie wohl ein Triumph war, zu sehen, wie er um eine Antwort rang? Er überlegte, ob er vielleicht den Müll erwähnen könne, den er häufig herunter brachte, oder den Geschirrspüler, den er unaufgefordert aus- und wieder einräumte. Aber ihm war klar, dass es ihr nicht um diese alltäglichen Dinge ging. Sie wollte einen Liebesbeweis, etwas, dass eben nicht alltäglich war und sowieso gemacht werden musste. Sie fing an zu weinen: „Findest Du das nicht traurig, dass Dir dazu überhaupt nichts einfällt? Liebst Du mich überhaupt?“
Er steckte in der Klemme. Liebte er sie wirklich? Die Frau, die regelmäßig solche einseitigen Diskussionen führte, vor allem dann, wenn er von der Arbeit kam, und sie an diesem Tag frei hatte? Konnte es vielleicht sein, dass sie an solchen Tagen ihre freie Zeit dazu nutzte, sich neue Vorwürfe für ihn auszudenken? Es kam ihm jedenfalls so vor. Er hatte sie schon einmal danach gefragt und sie damit sehr verletzt, denn sie liebte ihn ja und dachte in jeder freien Minute an ihn und daran, wie sie ihm eine kleine Freude machen könne, so hatte sie damals geantwortet. Er hatte tagsüber andere Dinge im Kopf und war auch abends noch gedanklich bei der Arbeit. Oft schaltete er zu Hause noch den Computer an, um noch etwas zu erledigen, was er tagsüber nicht geschafft hatte. Wenn er sich abends noch an den Rechner setzte, würde sie das verhasste Ding am liebsten aus dem Fenster werfen.
Er wollte sich vor kurzem mit einem alten Schulfreund treffen. „Und was habe ich? Wann gehe ich denn mal ohne Dich aus, um mich zu amüsieren? Findest Du das gut so, wie es hier momentan läuft? Wenn Du abends nach Hause kommst, setzt du dich entweder an den PC oder schläfst auf dem Sofa neben mir ein. Wenn hier alles vernünftig laufen würde, dann hätte ich überhaupt nichts dagegen, wenn du dich mit alten Freunden triffst“, das war ihre Antwort gewesen. Und er fühlte sich auch jetzt schon wieder schrecklich müde.
Er trat an sie heran und versuchte, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten, und er hörte sich selbst sagen: „Natürlich liebe ich Dich. Und Du hast recht. Ich mache viel zu wenig für Dich, aber ich werde mich bessern, versprochen.“ Nun endlich erwiderte sie seine Umarmung und hielt ihn fest umschlungen. Sehr fest. Manchmal in solchen Situationen würde er auch gerne weinen, aber das konnte er nicht. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal geweint, und warum konnte er sich nicht auch einfach so fallen lassen? Das war eine Frage, die er sich selbst ebenso wenig beantworten konnte, wie ihre bohrenden Fragen, mit denen sie sein Gewissen hart anfasste.
Später, als sie nebeneinander im Bett lagen und noch wach waren, dachte sie: „Morgen wird er mir bestimmt Blumen kaufen, aber das zählt nicht, denn das macht er nur, weil ich etwas gesagt habe.“ Sie wusste, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen können würde. Er wusste das auch, und er wusste ebenso, dass er selbst in ein paar Minuten eingeschlafen sein würde. Er nahm sich fest vor: „Morgen kaufe ich ihr Blumen, ganz sicher. Ich weiß zwar, dass sie sagen wird, dass es nicht zählt, aber das ist mir egal. Ich mache es trotzdem. Für mich.“

Meinem Papa zum Geburtstag

2009 Juli 17
von waushh

Meinem Papa zum Geburtstag

Um Deine Nase weht Dir gern der Ostseewind,
ich finde, dass wir uns sehr ähnlich sind,
Das soll’s ja geben zwischen Vater/Sohn.
Doch will ich gar nicht lange lamentieren,
denn heute wollen alle gratulieren
Es klingelt sicher schon das Telefon.

Du hast so viele Länder schon geseh’n
Ich sage: „Schiff Ahoi, Herr Kapitän“,
so wie’s bei Seemannsleuten Art.
Das Leben Dir noch manches schöne Jahr beschere.
Auch wenn Du nicht mehr schipperst durch die Meere,
so ruf’ ich trotzdem „Allzeit gute Fahrt!“

Wenn Du es ausdruckst, hast Du’s auf Papier:
Ich glaube, den Humor hab’ ich von Dir,
wie schön, dass wir uns gut verstehen.
Ich wünsch’ Dir zum Geburtstag alles Gute,
und gleichfalls hoff’ ich und vermute,
dass wir uns bald (am Wochenende) sehen.

Tag des Steuerzahlers

2009 Juli 16
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von waushh

Tag des Steuerzahlers

Zu Jahresbeginn ruft der Staat „Briklebrit,
ich brauche Moneten! Na los, her damit.“
Wie soll denn der Staat auch das Volk sonst verwalten?
Er ist ja gezwungen, die Hand aufzuhalten!

Schon über die Hälfte das Jahres ist rum,
die Arbeiter schuften den Buckel sich krumm.
Politiker freu’n sich, ihr Tischlein, es deckt sich,
das Volk hört nur „Steuern“, und jeder erschreckt sich.

Die Steuerlast trägt jeder huckepack
und wünscht sich den Knüppel aus dem Sack,
um denjenigen mal den Po zu versohlen,
die uns das Geld aus der Tasche holen.

Jetzt freut sich das Volk auf die eigene Asche,
es wirtschaftet nun in die eigene Tasche.
Es freut sich der Goldesel und triumphiert:
„Nun hab’ ich die Steuer abgeführt.“

Der Frosch

2009 Juni 10
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von waushh

Der Frosch

Ich saß ganz still an meinem kleinen Weiher
und ruhte meine schlanken Beine aus.
Am andern Ufer lauerte ein Reiher,
dem streckte ich die lange Zunge raus.

Da kam ‘ne Königstochter eines Tags vorbei,
sie hat mich lieblich lächelnd angeschielt.
Für mich war’s mehr als eine kleine Liebelei,
doch sie hat nicht nur mit dem Ball gespielt.

Ihr Herz, das war die Frage, wer gewinnt’s?
Jedoch der Liebe Feuer bald erlosch.
Ein Andrer nämlich ist ihr Märchenprinz,
und ich bin eben nur ein Frosch.

Fiel Dir die gold’ne Kugel in den Teich?
Das ist ja schade, so ein Pech. Na und?
Du bittest mich zu tauchen, und zwar gleich?
Prinzesschen, nenn’ mir dafür einen Grund.

Ich hol’ Dir aus dem Feuer keine Kohlen
und lass’ die Kugel auf dem Teichgrund liegen.
Soll doch Dein Prinz sich nasse Füße holen,
ich fange erst mal ein paar Fliegen.

Anna-Luise

2009 Mai 26
von waushh

Die folgende Gedicht-Reihe entstand in Zusammenarbeit mit Bruni Kantz, die den Mittelteil (kursiv) beigesteuert hat. Danke, Bruni!
Es begann mit einem Kommentar zu ihrem Gedicht Sattes Grün:

Anna-Luise

Am Rande der blühenden Wiese
sitzt am Nachmittag Anna-Luise.
Man sieht sie in den Abend träumen
im saftigem Gras zwischen Purzelbäumen,
von schützenden Ästen und Zweigen bedacht,
wenn sie leise im Kleebett ein Nickerchen macht.

 

Anna-Luise
sitzt noch in der Wiese,
genießt nun den Abend
und gerät in Entzücken,
weil unter den Brücken
ganz hinten im Winkel
nein, es ist wirklich kein Dinkel,
Flüsterklee wächst.
Ein winziges Büschel,
mehrblättrig und zart,
in dieser Gegend
das einzige seiner Art.

 

So hat sie sich herab gebückt,
hat sich das Büschel abgepflückt,
und steckt sich’s hinters Ohr.
Die kleinen Kobolde und Feen
kann sie ab heute gut versteh’n,
viel besser als zuvor.

Sie flüstern ihr geheime Worte
und zeigen ihr verborg’ne Orte,
von denen nie ein Mensch erfuhr.
Das Rauschen von der alten Linde,
das leise wehen lauer Winde -
von nun an lauscht sie der Natur.

Und fragst Du Dich, so wie die meisten Leute,
was dies und jenes wohl bedeute -
Erst lausche, dann versteh’:
Ergibt die Welt für Dich mal keinen Sinn,
dann hör’ nur einfach besser hin,
auch ohne Flüsterklee.

Fairytale

2009 Mai 17
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von waushh

Nachdem gestern – wie ich finde völlig zu recht – der norwegische Beitrag zum Eurovision Song Contest „Fairytale“ von Alexander Rybak weit abgeschlagen den ersten Platz erreicht hat, habe ich mich mal an einer Überstzung ins Deutsche versucht:

Märchenfee

Damals war’s, als ich noch jung war
und irgendwie mocht’ ich sie sehr
Sie war mein, wir war’n ein Liebespaar
Ja, so war’s, und lang ist’s her.

Refrain
Bin verliebt, in ‘ne Märchenfee,
was kümmert mich der Schmerz
ist mir egal, ob ich druchdreh’
verzaubert ist mein Herz.

Jeden Tag, mussten wir streiten
jede Nacht kam Liebe auf
niemand sonst gab mir mehr Leiden
doch niemand sonst hob mich so hoch hinauf

Plötzlich dann war sie verschwunden,
ich weiß nicht mehr, wie alles kam
ich hab’ sie heut’ nicht mehr gefunden
doch wenn ich’s tu, fang’n wir von vorne an.

Refrain
Bin verliebt, in ‘ne Märchenfee,
was kümmert mich der Schmerz
ist mir egal, ob ich druchdreh’
verzaubert ist mein Herz.

Sie ist ‘ne Zauberfee, yeah
was kümmert mich der Schmerz
ist mir egal, ob ich druchdreh’,
verzaubert ist mein Herz.